Cyberangriffe auf deutsche Unternehmen: Geheimdienste rücken stärker in den Fokus

 

 

Ausländische Nachrichtendienste spielen bei Angriffen auf deutsche Unternehmen eine deutlich größere Rolle als noch vor wenigen Jahren. Gleichzeitig verursachen Cyberattacken inzwischen drei Viertel der Schäden durch Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage. Künstliche Intelligenz verändert dabei zunehmend die Angriffsmethoden. Das zeigt eine aktuelle Bitkom-Studie unter 1.003 Unternehmen in Deutschland.

Die Bedrohung der deutschen Wirtschaft durch Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage bleibt auf einem sehr hohen Niveau. 96 Prozent der Unternehmen in Deutschland waren nach eigenen Angaben in den vergangenen zwölf Monaten von entsprechenden Vorfällen betroffen oder vermuten einen Angriff. Besonders deutlich verändert hat sich die Rolle staatlicher Akteure: 37 Prozent der betroffenen Unternehmen konnten mindestens einen Angriff einem ausländischen Nachrichtendienst zuordnen. 2025 waren es 28 Prozent, 2023 lediglich 7 Prozent.

Das geht aus einer repräsentativen Befragung von 1.003 Unternehmen ab zehn Beschäftigten in Deutschland im Auftrag des Digitalverbands Bitkom hervor. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Cybersicherheit für Unternehmen längst nicht mehr ausschließlich eine Frage klassischer Cyberkriminalität ist. Wirtschaftliche Interessen, geopolitische Konflikte und staatlich gesteuerte Operationen greifen zunehmend ineinander.

Schäden erreichen bis zu 270,8 Milliarden Euro

Die finanziellen Folgen bleiben erheblich. Bitkom beziffert die Schäden durch Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage auf insgesamt 211 bis 270,8 Milliarden Euro. Berücksichtigt werden unter anderem Betriebsausfälle, Ermittlungs- und Ersatzmaßnahmen, Rechtsstreitigkeiten und Erpressung sowie Umsatzeinbußen durch Plagiate und verlorene Wettbewerbsvorteile.

Gleichzeitig wächst offenbar das Dunkelfeld. Nur noch 67 Prozent der Unternehmen konnten einen erfolgreichen Angriff sicher feststellen. Im Vorjahr waren es 87 Prozent. Der Anteil der Unternehmen, die einen Angriff vermuten, diesen aber nicht eindeutig belegen können, stieg dagegen von 10 auf 29 Prozent.

Nach Einschätzung von Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst arbeiten insbesondere Nachrichtendienste professioneller und verdeckter. Dadurch werde es für Unternehmen schwieriger, Angriffe zuverlässig zu identifizieren und deren Ursprung festzustellen. Neben der Prävention gewinnen deshalb Angriffserkennung, forensische Analyse und die Zusammenarbeit mit Sicherheitsbehörden an Bedeutung.

China und Russland werden besonders häufig als Herkunft genannt

Mehr als die Hälfte der sicher betroffenen Unternehmen konnte mindestens einen Angriff nach China zurückverfolgen. Der Anteil stieg von 46 Prozent im Jahr 2025 auf 52 Prozent. Russland folgt mit 49 Prozent nach ebenfalls 46 Prozent im Vorjahr.

Mit deutlichem Abstand folgen Osteuropa außerhalb der Europäischen Union mit 34 Prozent, die USA mit 27 Prozent und EU-Länder außerhalb Deutschlands mit 26 Prozent. Zwölf Prozent konnten Angriffe nach Deutschland zurückverfolgen.

Auffällig ist zudem die Entwicklung beim Iran. Neun Prozent der Unternehmen konnten Angriffe dorthin zurückverfolgen. Ein Jahr zuvor waren es vier Prozent.

Auch der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Sinan Selen, sieht den Wirtschaftsstandort Deutschland im Zielspektrum staatlicher und nicht-staatlicher Cyberoperationen. Ausländische Nachrichtendienste hätten ihre hybriden Aktivitäten intensiviert. Besonders attraktiv seien dabei unter anderem Unternehmen aus der Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft.

Organisierte Kriminalität bleibt wichtigste Tätergruppe

Trotz des deutlichen Anstiegs staatlicher Aktivitäten bleibt die Organisierte Kriminalität die am häufigsten identifizierte Tätergruppe. 62 Prozent der betroffenen Unternehmen konnten mindestens einen Angriff diesem Umfeld zuordnen. Im Vorjahr waren es 68 Prozent.

Ausländische Nachrichtendienste folgen erstmals direkt dahinter mit 37 Prozent. Weitere relevante Tätergruppen sind Privatpersonen mit 35 Prozent sowie aktuelle oder ehemalige Beschäftigte. 23 Prozent der Unternehmen berichten von unbeabsichtigten Vorfällen durch Beschäftigte, 19 Prozent von vorsätzlichem Handeln.

Die Zahlen zeigen zugleich, dass Cyberrisiken nicht isoliert betrachtet werden können. Bei 21 Prozent der betroffenen Unternehmen hatte ein Vorfall auch Auswirkungen auf andere Unternehmen – beispielsweise durch Produktionsausfälle bei Geschäftspartnern oder Reputationsschäden bei Auftraggebern. Damit wird die Sicherheit von Lieferketten und digitalen Ökosystemen zu einem wesentlichen Bestandteil der unternehmerischen Resilienz.

Cyberattacken verursachen 76 Prozent der Gesamtschäden

Der wirtschaftliche Schwerpunkt der Bedrohung verlagert sich weiter in den digitalen Raum. Inzwischen entfallen 76 Prozent der Gesamtschäden auf Cyberattacken. Vor einem Jahr waren es 70 Prozent, vor fünf Jahren 59 Prozent.

Die durch Cyberattacken verursachten Schäden liegen laut Bitkom zwischen 160,4 und 205,8 Milliarden Euro.

63 Prozent der Unternehmen registrierten innerhalb der vergangenen zwölf Monate eine Zunahme von Cyberangriffen. Für die kommenden zwölf Monate erwarten sogar 69 Prozent einen weiteren Anstieg. Keines der befragten Unternehmen rechnet mit einem Rückgang.

Gleichzeitig bewerten nur noch 43 Prozent ihre Vorbereitung auf Cyberangriffe als sehr gut. 2025 waren es noch 50 Prozent. Dennoch sank der Anteil der Unternehmen, die ihre geschäftliche Existenz durch einen erfolgreichen Cyberangriff bedroht sehen, von 59 auf 45 Prozent.

Für Unternehmen entsteht daraus eine zentrale Aufgabe der Digitalen Transformation: Cybersicherheit muss nicht nur technische Systeme schützen, sondern die Widerstandsfähigkeit des gesamten Geschäftsmodells stärken. Neben Prävention wird insbesondere entscheidend, wie schnell Organisationen Angriffe erkennen, eindämmen und ihre Geschäftsfähigkeit wiederherstellen können.

Künstliche Intelligenz verändert die Angriffsmethoden

Ransomware bleibt die Cyberangriffsart, die am häufigsten einen konkreten Schaden verursacht. Bei 25 Prozent der Unternehmen wurden Daten verschlüsselt und Lösegeld für deren Freigabe verlangt. Gegenüber 34 Prozent im Vorjahr ist der Anteil allerdings deutlich zurückgegangen.

Weitere relevante Angriffsarten sind Attacken auf Passwörter mit 18 Prozent, Phishing mit 16 Prozent und DDoS-Angriffe mit 15 Prozent.

Parallel dazu gewinnen KI-gestützte Angriffsmethoden an Bedeutung. Schäden durch automatisierte Robo Calls stiegen innerhalb eines Jahres von 3 auf 14 Prozent. Bei Deepfakes erhöhte sich der Anteil von 4 auf 8 Prozent.

82 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass Angreifer verstärkt Künstliche Intelligenz einsetzen. 31 Prozent sind sich dessen sicher, weitere 51 Prozent vermuten einen entsprechenden Einsatz.

Als Hinweise nennen Unternehmen unter anderem die automatisierte Anpassung von Angriffen, besonders hochwertige gefälschte Audio- und Videoaufnahmen, qualitativ hochwertige Textnachrichten und E-Mails, eine hohe Angriffsfrequenz sowie stark personalisierte Inhalte.

Damit verändert Künstliche Intelligenz nicht nur die Skalierung von Cyberangriffen. Sie kann auch deren Qualität und Glaubwürdigkeit erhöhen. Täuschend echte Kommunikation, personalisierte Phishing-Versuche oder Deepfakes können die Unterscheidung zwischen legitimen und manipulierten Inhalten erschweren.

Gleichzeitig bietet Künstliche Intelligenz neue Möglichkeiten für die Verteidigung. Unternehmen können KI unter anderem einsetzen, um Auffälligkeiten schneller zu erkennen, große Mengen sicherheitsrelevanter Daten auszuwerten und auf neue Angriffsmuster zu reagieren.

Häufig liegen die Schwachstellen im eigenen Unternehmen

58 Prozent der Unternehmen erlitten innerhalb der vergangenen zwölf Monate einen Schaden durch Cyberangriffe. Als häufigsten Grund dafür nennen die Betroffenen eine unzureichende Erkennung von Sicherheitsvorfällen. 59 Prozent führen Schäden darauf zurück.

Es folgen Fehlkonfigurationen von IT-Systemen mit 57 Prozent und ein unzureichendes Identitäts- und Zugriffsmanagement mit 55 Prozent. Technische Schwachstellen nennen 50 Prozent, veraltete Hard- oder Software 43 Prozent.

Dagegen führen lediglich 18 Prozent erfolgreiche Angriffe auf ein unzureichendes Sicherheitsbewusstsein der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurück.

Die Zahlen legen damit einen Schwerpunkt auf grundlegende Sicherheitsprozesse: Transparenz über Systeme und Aktivitäten, sichere Konfigurationen, konsequentes Identitätsmanagement sowie die schnelle Erkennung ungewöhnlicher Vorgänge sind zentrale Voraussetzungen für eine belastbare Cybersecurity-Strategie.

Unternehmen arbeiten enger mit Sicherheitsbehörden zusammen

Parallel zur wachsenden Bedrohung verbessert sich offenbar die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Staat. Von den Unternehmen, die Täter oder Herkunft eines Angriffs ermitteln konnten, erhielten 50 Prozent entsprechende Hinweise von Behörden. Im Vorjahr waren es 35 Prozent, vor zwei Jahren 24 Prozent.

Wichtigste technische Informationsquelle bleibt die Analyse von Log-Dateien mit 68 Prozent. Hinzu kommen interne und externe Untersuchungen, charakteristische Angriffsmuster, der Austausch mit anderen Unternehmen sowie Erkenntnisse aus Darknet-Foren.

Eine engere Kooperation kann insbesondere bei professionellen und staatlich unterstützten Angriffen relevant werden. Einzelne Unternehmen verfügen nur über einen begrenzten Ausschnitt des Bedrohungsgeschehens. Werden Erkenntnisse zusammengeführt, lassen sich Angriffsmuster und Kampagnen potenziell früher erkennen.

Investitionen in IT-Sicherheit stagnieren

Trotz der hohen Bedrohungslage bleibt der durchschnittliche Anteil der IT-Sicherheit am gesamten IT-Budget unverändert bei 18 Prozent. Bitkom und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik empfehlen einen Anteil von 20 Prozent.

45 Prozent der Unternehmen investieren bereits mindestens ein Fünftel ihres IT-Budgets in Sicherheit. Im Vorjahr waren es 41 Prozent.

Neben der Höhe der Investitionen gewinnt auch die Frage der Digitalen Souveränität an Bedeutung. 59 Prozent der Unternehmen sehen sich bei Sicherheitslösungen als abhängig von Anbietern aus den USA. 70 Prozent sprechen sich dafür aus, dass Behörden und Unternehmen in Deutschland stärker auf deutsche und europäische Sicherheitslösungen setzen.

Cybersicherheit wird zur strategischen Managementaufgabe

Die Ergebnisse der Studie zeigen eine Bedrohungslage, in der klassische Cyberkriminalität, Industriespionage und geopolitische Interessen zunehmend zusammenwirken. Gleichzeitig senkt Künstliche Intelligenz potenziell die technischen Hürden für Angreifer und ermöglicht neue Formen automatisierter und personalisierter Attacken.

Für Unternehmen bedeutet das, Cybersicherheit stärker mit der Digitalen Transformation zu verzahnen. Neben technischen Schutzmaßnahmen betrifft dies insbesondere Governance, Risikomanagement, Lieferketten, Identitäts- und Zugriffsmanagement, Krisenreaktion und die Zusammenarbeit mit Behörden.

Die zentrale Herausforderung besteht dabei nicht allein darin, Angriffe zu verhindern. Angesichts der hohen Zahl an Vorfällen wird ebenso entscheidend, Angriffe frühzeitig zu erkennen, ihre Auswirkungen zu begrenzen und nach einem Sicherheitsvorfall möglichst schnell wieder handlungsfähig zu sein.

 

Q&A: Die wichtigsten Fragen zur Cyberbedrohung für deutsche Unternehmen

 

Wie hoch sind die Schäden durch Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage in Deutschland?
Laut der Bitkom-Studie belaufen sich die Schäden auf 211 bis 270,8 Milliarden Euro. Darin enthalten sind unter anderem Kosten durch Betriebsausfälle, Ermittlungen, Ersatzmaßnahmen, Rechtsstreitigkeiten und Erpressung sowie wirtschaftliche Verluste durch Plagiate und verlorene Wettbewerbsvorteile.

Wie viele deutsche Unternehmen sind von Datendiebstahl, Industriespionage oder Sabotage betroffen?
96 Prozent der befragten Unternehmen waren innerhalb der vergangenen zwölf Monate nach eigenen Angaben betroffen oder vermuten einen entsprechenden Angriff. 67 Prozent konnten einen erfolgreichen Angriff sicher feststellen, 29 Prozent vermuten einen Angriff, ohne ihn eindeutig belegen zu können.

Welche Rolle spielen ausländische Nachrichtendienste bei Angriffen auf Unternehmen?
37 Prozent der betroffenen Unternehmen konnten mindestens einen Angriff einem ausländischen Nachrichtendienst zuordnen. Der Anteil ist deutlich gestiegen: 2025 waren es 28 Prozent und 2023 lediglich 7 Prozent.

Aus welchen Ländern werden besonders häufig Angriffe festgestellt?
52 Prozent der sicher betroffenen Unternehmen konnten mindestens einen Angriff nach China zurückverfolgen, 49 Prozent nach Russland. Dahinter folgen Osteuropa außerhalb der EU mit 34 Prozent, die USA mit 27 Prozent und andere EU-Länder außerhalb Deutschlands mit 26 Prozent. Angriffe mit Bezug zum Iran wurden von 9 Prozent der Unternehmen festgestellt.

Welche Tätergruppe stellt die größte Bedrohung dar?
Die Organisierte Kriminalität bleibt mit 62 Prozent die am häufigsten identifizierte Tätergruppe. Ausländische Nachrichtendienste folgen mit 37 Prozent inzwischen an zweiter Stelle.

Wie hoch ist der Anteil von Cyberattacken an den Gesamtschäden?
76 Prozent der durch Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage verursachten Schäden entfallen inzwischen auf Cyberattacken. Die entsprechenden Schäden liegen laut Bitkom zwischen 160,4 und 205,8 Milliarden Euro.

Welche Cyberangriffe verursachen besonders häufig Schäden?
Ransomware verursacht weiterhin am häufigsten Schäden und betrifft 25 Prozent der Unternehmen. Es folgen Angriffe auf Passwörter mit 18 Prozent, Phishing mit 16 Prozent und DDoS-Attacken mit 15 Prozent.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz bei Cyberangriffen?
82 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass Angreifer verstärkt Künstliche Intelligenz einsetzen. Hinweise darauf sind unter anderem automatisiert angepasste Angriffe, hochwertige Deepfakes, professionell formulierte Nachrichten, eine hohe Angriffsfrequenz und stark personalisierte Inhalte.

Warum führen Cyberangriffe in Unternehmen zu Schäden?
Als häufigste Ursache nennen betroffene Unternehmen eine unzureichende Erkennung von Sicherheitsvorfällen mit 59 Prozent. Es folgen Fehlkonfigurationen von IT-Systemen mit 57 Prozent und Defizite beim Identitäts- und Zugriffsmanagement mit 55 Prozent.

Wie viel investieren deutsche Unternehmen in Cybersicherheit?
Im Durchschnitt entfallen 18 Prozent des IT-Budgets auf IT-Sicherheit. 45 Prozent der Unternehmen investieren mindestens 20 Prozent ihres IT-Budgets in diesen Bereich. Bitkom und BSI empfehlen einen Anteil von 20 Prozent.

Was bedeutet die Entwicklung für die Digitale Transformation von Unternehmen?
Cybersicherheit wird zu einer grundlegenden Voraussetzung für eine erfolgreiche Digitale Transformation. Unternehmen müssen digitale Innovation und Sicherheit gemeinsam planen. Neben Prävention gewinnen Angriffserkennung, Identitätsmanagement, Resilienz, Wiederherstellungsfähigkeit und die Absicherung von Lieferketten an strategischer Bedeutung.

Wie können sich Unternehmen besser gegen Cyberangriffe und Industriespionage schützen?
Unternehmen sollten technische und organisatorische Sicherheitsmaßnahmen miteinander verbinden. Dazu gehören insbesondere eine kontinuierliche Angriffserkennung, sichere IT-Konfigurationen, ein konsequentes Identitäts- und Zugriffsmanagement, aktuelle Hard- und Software, belastbare Backup- und Recovery-Prozesse sowie klare Abläufe für Sicherheitsvorfälle. Ebenso wichtig sind die Zusammenarbeit mit Partnern und Sicherheitsbehörden sowie regelmäßige Schulungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Hier geht es zur Presseinformation vom Bitkom.

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