Logistik setzt auf KI – doch fehlendes Knowhow bremst die Digitale Transformation
 

 

Künstliche Intelligenz hält mit hoher Geschwindigkeit Einzug in die deutsche Logistik. Bereits jedes zweite Unternehmen setzt KI ein, gleichzeitig steigen die Investitionen in die Digitalisierung. Doch ausgerechnet fehlendes Knowhow entwickelt sich zum zentralen Engpass. Eine aktuelle Bitkom-Studie zeigt, wie sich Lieferketten, Arbeitsplätze und die letzte Meile verändern – und warum KI-Kompetenzen für Unternehmen zum strategischen Faktor werden.

Globale Krisen, volatile Lieferketten, hohe Energiepreise und fehlende Fachkräfte setzen die Logistikbranche unter erheblichen Veränderungsdruck. Gleichzeitig wächst die Bedeutung digitaler Technologien. Laut einer repräsentativen Bitkom-Befragung unter 502 Logistikunternehmen ab 20 Beschäftigten in Deutschland sehen 91 Prozent die Digitalisierung als Chance. Lediglich 7 Prozent bewerten sie überwiegend als Risiko.
Die Zahlen verdeutlichen, wie stark die Digitale Transformation inzwischen mit der Wettbewerbsfähigkeit der Branche verbunden ist. Praktisch alle befragten Unternehmen nennen hohe Energiepreise als Herausforderung. 87 Prozent kämpfen mit Fachkräftemangel, 71 Prozent mit Unterbrechungen ihrer Lieferketten. Hinzu kommen Bürokratie sowie geopolitische Krisen und internationale Konflikte.
Digitale Technologien sollen dabei helfen, Warenströme flexibler zu steuern, Engpässe frühzeitig zu erkennen und knappe Ressourcen effizienter einzusetzen.

Digitalisierung schafft mehr als Kostenvorteile

Der Nutzen digitaler Lösungen wird von den Unternehmen entsprechend breit bewertet. 66 Prozent sehen eine höhere Transparenz der Lieferketten als einen der wichtigsten Vorteile, 64 Prozent erwarten einen besseren Service für Endkunden. 60 Prozent nennen eine geringere Umweltbelastung und 58 Prozent Zeitersparnisse.
Auch für die Arbeitswelt gewinnt die Digitalisierung an Bedeutung: 56 Prozent sehen darin eine Möglichkeit, die Attraktivität von Arbeitsplätzen zu erhöhen. Jeweils 55 Prozent erwarten bessere Entscheidungsgrundlagen sowie eine geringere Fehler- und Ausfallanfälligkeit.
Bemerkenswert: Kein einziges der befragten Unternehmen ist der Ansicht, digitale Anwendungen hätten für die Logistik überhaupt keine Vorteile.
Beim Blick auf den eigenen Digitalisierungsgrad zeigt sich die Branche selbstbewusst. 49 Prozent betrachten ihr Unternehmen als Vorreiter, weitere 7 Prozent sogar als führend. Für den Logistikstandort Deutschland fällt die Einschätzung dagegen deutlich zurückhaltender aus: 51 Prozent sehen die deutsche Logistik international lediglich im Mittelfeld, 25 Prozent zählen sie zu den Nachzüglern.

Fehlendes Knowhow wird zum Digitalisierungshemmnis

Dass der Weg von der technologischen Möglichkeit zur erfolgreichen Umsetzung anspruchsvoll bleibt, zeigt sich besonders deutlich bei den größten Digitalisierungsbarrieren.
73 Prozent der Unternehmen nennen fehlende Fachkräfte beziehungsweise fehlendes Knowhow als größtes Hemmnis. Damit stehen Kompetenzen noch vor IT- und Datensicherheit mit 58 Prozent sowie fehlender Zeit im operativen Geschäft mit 57 Prozent.
Auch fehlende marktfähige Lösungen, ein Mangel an qualifizierter externer Beratung und eine unzureichende Datenverfügbarkeit beschäftigen jeweils mehr als die Hälfte der Unternehmen. Finanzielle Mittel folgen mit 48 Prozent erst dahinter.
Die Digitale Transformation der Logistik ist damit längst nicht mehr ausschließlich eine Investitionsfrage. Entscheidend wird zunehmend, ob Unternehmen über die Fähigkeiten verfügen, neue Technologien sinnvoll in bestehende Prozesse zu integrieren, Daten nutzbar zu machen und Beschäftigte auf neue Aufgaben vorzubereiten.

KI wird zur Schlüsseltechnologie der Logistik

Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung bei Künstlicher Intelligenz. Cloud Computing ist mit 61 Prozent derzeit zwar noch die am weitesten verbreitete Technologie der Branche. Dahinter folgen IoT- und Sensortechnologien mit 54 Prozent – doch KI kommt bereits bei 51 Prozent der Logistikunternehmen zum Einsatz.
Damit hat sich die Verbreitung innerhalb weniger Jahre mehr als verdoppelt. 2022 lag der Anteil der Unternehmen mit KI-Einsatz noch bei 22 Prozent. Weitere 22 Prozent planen aktuell den Einsatz und 14 Prozent diskutieren darüber. Insgesamt beschäftigt sich damit bereits eine deutliche Mehrheit von 87 Prozent der Branche mit KI.
Die Erwartungen sind entsprechend hoch. 57 Prozent glauben, dass KI interne Prozesse kostengünstiger gestalten kann. 55 Prozent sehen in der Technologie eine Antwort auf den Fachkräftemangel.
Potenzielle Anwendungen reichen von der Routen- und Bedarfsplanung über Prognosen und die Optimierung von Warenströmen bis zur Steuerung von Robotern und autonomen Fahrzeugen. Gerade in komplexen Lieferketten kann KI dabei helfen, große Datenmengen auszuwerten und Entscheidungen schneller vorzubereiten.

KI-Lizenzen allein reichen nicht

Gleichzeitig offenbart die Studie eine zentrale Herausforderung: 54 Prozent der Unternehmen fehlt nach eigener Einschätzung die Expertise, um KI in ihre Logistikprozesse zu integrieren.
Viele Unternehmen investieren deshalb bereits in Weiterbildung. 73 Prozent bieten ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern KI-Schulungen an. Flächendeckend ist die Qualifizierung allerdings noch nicht: Nur 8 Prozent schulen sämtliche Beschäftigte, 31 Prozent einen Großteil und 34 Prozent ausgewählte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein Viertel bietet bislang überhaupt keine KI-Schulungen an.
Damit wird deutlich: Die nächste Phase der KI-Transformation entscheidet sich nicht allein an der Verfügbarkeit leistungsfähiger Modelle und Anwendungen. Unternehmen müssen gleichzeitig Kompetenzen, Datenstrukturen, Prozesse und Verantwortlichkeiten weiterentwickeln. Erst dann kann aus einem KI-Tool ein messbarer Produktivitätsfaktor werden.

Fachkräftemangel verändert die Anforderungen an Beschäftigte

Der Handlungsdruck ist hoch. Bereits heute fehlen 64 Prozent der Unternehmen Zustellerinnen und Zusteller, 55 Prozent Fahrerinnen und Fahrer sowie 53 Prozent Disponentinnen und Disponenten. 49 Prozent suchen IT-Fachkräfte, 48 Prozent Lager-Fachkräfte und 45 Prozent Verwaltungsfachkräfte.
Digitalisierung dürfte diesen Bedarf nicht einfach reduzieren, sondern vor allem verschieben. Besonders ausgeprägt ist das bei IT-Kompetenzen: 47 Prozent erwarten bis 2035 einen steigenden Bedarf an IT-Fachkräften, während lediglich 13 Prozent von einem Rückgang ausgehen.
Die zentrale Herausforderung wird damit die Verbindung von Technologie und Qualifizierung: Automatisierung kann Beschäftigte entlasten und repetitive Aufgaben übernehmen. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Steuerung, Datenkompetenz und den sicheren Umgang mit KI-Systemen.

Robotik zwischen Effizienzpotenzial und Wirtschaftlichkeit

Auch Robotik und autonome Transportsysteme könnten einen wichtigen Beitrag leisten. 68 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass Roboter Logistikprozesse effizienter machen können. 66 Prozent erwarten eine höhere Arbeitssicherheit und 55 Prozent glauben, dass sich der Fachkräftemangel ohne Roboter langfristig nicht lösen lässt.
Die praktische Umsetzung bleibt jedoch anspruchsvoll. Jeweils 51 Prozent sagen, der Robotereinsatz rechne sich für das eigene Unternehmen derzeit finanziell nicht beziehungsweise stoße bei Beschäftigten auf Skepsis.
Für Anbieter etablierter Lösungen ebenso wie für Startups entsteht damit ein relevantes Innovationsfeld: Gefragt sind Technologien, die sich wirtschaftlich in bestehende Prozesse integrieren lassen, einen nachvollziehbaren Mehrwert schaffen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Arbeitsalltag tatsächlich entlasten.

Digitalinvestitionen steigen weiter

Trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen zieht sich die Branche bei ihren Digitalbudgets nicht zurück. 40 Prozent investieren 2026 zwischen 5 und unter 10 Prozent ihres Jahresumsatzes in Digitalisierung, weitere 21 Prozent sogar mindestens 10 Prozent. Lediglich 3 Prozent verfügen über kein Digitalisierungsbudget.
Auch für 2027 stehen die Zeichen weiter auf Investition: 42 Prozent wollen ihre Digitalausgaben erhöhen, davon 15 Prozent stark. 45 Prozent planen ein konstantes Investitionsniveau. Lediglich 11 Prozent wollen ihre Ausgaben reduzieren.
Die Zahlen unterstreichen, dass Digitalisierung und KI zunehmend als strategische Investitionen verstanden werden – gerade in einem Marktumfeld, das von Kosten-, Effizienz- und Personalproblemen geprägt ist.

Logistik 2036: KI steuert, Roboter liefern

Wie fundamental der Wandel werden könnte, zeigt der Blick der Unternehmen auf das Jahr 2036. 69 Prozent erwarten, dass KI dann große Teile der Lieferketten in Echtzeit steuern wird. 68 Prozent rechnen mit vollständig transparenten und für Endkunden digital nachvollziehbaren Lieferketten.
Auch die physische Automatisierung soll deutlich voranschreiten. 59 Prozent gehen davon aus, dass in Lagerhallen überwiegend humanoide Roboter arbeiten werden.
Noch futuristischer erscheint der Blick auf die letzte Meile – zumindest aus heutiger Perspektive. 59 Prozent erwarten, dass Waren innerhalb der kommenden zehn Jahre per Drohne bis zum Endkunden gelangen. 52 Prozent rechnen mit einem breiten Einsatz autonomer Lieferroboter. Und 45 Prozent halten es für wahrscheinlich, dass humanoide Roboter 2036 Waren direkt an Verbraucherinnen und Verbraucher übergeben.
Was heute teilweise noch nach Zukunftsszenario klingt, wird damit zu einer konkreten strategischen Fragestellung: Welche Prozesse sollten Unternehmen bereits heute digitalisieren? Wo schafft KI tatsächlich Mehrwert? Welche Kompetenzen werden in zehn Jahren benötigt? Und wie lassen sich Automatisierung und menschliche Expertise sinnvoll miteinander verbinden?
Für Entscheiderinnen und Entscheider wird es entscheidend sein, diese Fragen nicht erst dann zu beantworten, wenn Technologien zum Branchenstandard geworden sind. Die Digitale Transformation der Logistik ist bereits in vollem Gang – die nächste Herausforderung besteht darin, aus technologischen Möglichkeiten skalierbare Geschäftsprozesse zu entwickeln.

Hier geht es zur Bitkom Presseinformation dazu.

 

Q&A: KI und Digitale Transformation in der Logistik

Wie viele Logistikunternehmen setzen bereits Künstliche Intelligenz ein?
51 Prozent der befragten deutschen Logistikunternehmen nutzen bereits KI. 2022 waren es erst 22 Prozent. Weitere 22 Prozent planen den Einsatz und 14 Prozent diskutieren darüber. Damit ist KI für insgesamt 87 Prozent der Unternehmen ein relevantes Thema.

Was bremst die Digitalisierung der Logistik am stärksten?
Das größte Hindernis sind fehlende Fachkräfte beziehungsweise fehlendes Knowhow. 73 Prozent der Unternehmen nennen diesen Faktor. Danach folgen Bedenken hinsichtlich IT- und Datensicherheit mit 58 Prozent sowie fehlende Zeit im operativen Alltag mit 57 Prozent.

Fehlt den Unternehmen vor allem Geld für die Digitale Transformation?
Nein. Fehlende finanzielle Mittel werden von 48 Prozent als Hindernis genannt und liegen damit hinter Kompetenzmangel, Sicherheitsbedenken, Zeitmangel, fehlenden marktfähigen Lösungen, fehlender qualifizierter Beratung und mangelnder Datenverfügbarkeit.

Welche Vorteile versprechen sich Logistikunternehmen von der Digitalisierung?
Im Vordergrund stehen transparentere Lieferketten, ein besserer Kundenservice, geringere Umweltbelastungen und Zeitersparnisse. Darüber hinaus erwarten viele Unternehmen attraktivere Arbeitsplätze, bessere Entscheidungsgrundlagen sowie weniger Fehler und Ausfälle.

Kann KI den Fachkräftemangel in der Logistik lösen?
55 Prozent der Unternehmen sehen KI als Mittel gegen den Fachkräftemangel. Gleichzeitig dürfte die Technologie den Personalbedarf stärker verändern als vollständig reduzieren. Insbesondere die Nachfrage nach IT-Fachkräften wird nach Einschätzung vieler Unternehmen deutlich steigen.

Wie gut sind Unternehmen auf den KI-Einsatz vorbereitet?
Hier besteht weiterhin Handlungsbedarf. 54 Prozent geben an, nicht über ausreichende Expertise für die Integration von KI in ihre Logistikprozesse zu verfügen. Zwar bieten 73 Prozent KI-Schulungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an, doch lediglich 8 Prozent schulen alle Beschäftigten.

Welche Rolle werden Roboter künftig in der Logistik spielen?
68 Prozent der Unternehmen erwarten effizientere Prozesse durch Robotik, 66 Prozent eine höhere Arbeitssicherheit. 59 Prozent gehen sogar davon aus, dass 2036 überwiegend humanoide Roboter in Lagerhallen arbeiten werden.

Werden Pakete künftig mit Drohnen geliefert?
Eine Mehrheit der Branche hält dieses Szenario für realistisch: 59 Prozent erwarten, dass Waren bis 2036 per Drohne zum Endkunden transportiert werden. 52 Prozent rechnen außerdem mit einem breiten Einsatz autonomer Lieferroboter.

Werden humanoide Roboter tatsächlich Pakete an der Haustür übergeben?
45 Prozent der befragten Unternehmen erwarten, dass die Warenübergabe durch humanoide Roboter im Jahr 2036 weit verbreitet sein wird. Ob sich dieses Szenario in dieser Geschwindigkeit durchsetzt, dürfte insbesondere von Wirtschaftlichkeit, technischer Reife, Regulierung und Akzeptanz abhängen.

Was bedeutet die Entwicklung für Entscheiderinnen und Entscheider?
Die Ergebnisse zeigen, dass Technologieinvestitionen allein nicht ausreichen. Unternehmen müssen parallel Kompetenzen aufbauen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter qualifizieren, ihre Datenbasis verbessern und konkrete Anwendungsfälle identifizieren. Gerade bei KI wird die Fähigkeit, Technologie in produktive und skalierbare Prozesse zu übersetzen, zu einem entscheidenden Faktor der Digitalen Transformation.

Teilen