Auf der TRANSFORM 2026 setzte Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Frauen, Senioren und Jugend, einen klaren wirtschaftspolitischen Impuls: Diversität ist kein gesellschaftspolitisches Add-on, sondern ein entscheidender Wettbewerbsfaktor für Unternehmen im digitalen Zeitalter. In ihrer Keynote adressierte sie das Publikum aus Entscheiderinnen und Entscheidern mit einer ebenso prägnanten wie unbequemen Leitfrage: Was kostet es Unternehmen, auf Diversität – insbesondere auf Frauen – zu verzichten?
Die Antwort fiel eindeutig aus. Neben Aspekten wie Arbeitgeberattraktivität und Glaubwürdigkeit betonte Prien vor allem die wirtschaftlichen Konsequenzen: geringere Innovationskraft und eingeschränkte Wettbewerbsfähigkeit. Gerade vor dem Hintergrund von Künstlicher Intelligenz und digitaler Transformation könnten es sich Unternehmen nicht leisten, auf die Perspektiven und Potenziale von Frauen zu verzichten.
Ein zentraler Aspekt der Keynote war der Wandel von Kompetenzanforderungen durch KI. Während klassische technische Rollen an Bedeutung verlieren, gewinnen interdisziplinäre Fähigkeiten an Relevanz. Es gehe zunehmend um die Fähigkeit, KI-Systeme sinnvoll einzusetzen, Ergebnisse kritisch zu bewerten und in operative Prozesse zu überführen.
Hier eröffnen sich neue Rollenprofile – etwa im Prompt Engineering, in der Steuerung von KI-Agenten oder an der Schnittstelle zwischen Technologie und Fachbereich. Kompetenzen wie kommunikative Stärke, vernetztes Denken und Kontextverständnis rücken in den Fokus. Eigenschaften, die – so Priens These – stärker gefördert und diverser besetzt werden müssen.
Trotz dieser Entwicklungen bleibt der Frauenanteil in IT-Berufen mit 18,5 % niedrig. Gleichzeitig zeigen Studien, dass Unternehmen mit Geschlechtervielfalt im Management eine um 39 % höhere Wahrscheinlichkeit haben, profitabel zu sein, und bis zu 19 % höhere Innovationsumsätze erzielen.
Für Prien ist klar: Diese Diskrepanz zwischen Wissen und Realität muss überwunden werden. Gerade Unternehmen, die KI-Systeme entwickeln oder digitale Produkte gestalten, tragen Verantwortung, Diversität aktiv zu fördern und strukturelle Hürden abzubauen.
Neben den Chancen thematisierte die Ministerin auch die Risiken. KI-Systeme können bestehende Vorurteile reproduzieren, etwa durch verzerrte Daten oder diskriminierende Recruiting-Algorithmen. Auch gesellschaftliche Herausforderungen wie Desinformation und Polarisierung verstärken sich im digitalen Raum.
Diese Entwicklungen betreffen insbesondere Fragen der Gleichstellung. Prien warnte davor, solche Phänomene als „Kinderkrankheiten“ neuer Technologien abzutun – sie bergen erhebliches gesellschaftliches Konfliktpotenzial und erfordern proaktives Handeln.
Ein nachhaltiger Wandel beginnt für Prien entlang der gesamten Bildungskette. Mit dem MINT-Aktionsplan setzt das Ministerium früh an – bereits in der Kita – um Geschlechterstereotype aufzubrechen und Interesse an technischen und naturwissenschaftlichen Themen zu fördern.
Programme wie „Girls’ and Boys’ Day“, „Klischeefrei“ oder „You Code Girls“ zielen darauf ab, insbesondere Mädchen für MINT-Berufe zu begeistern. Ergänzend bietet der „Klischeefreie Navigator“ Unternehmen konkrete Instrumente, um ihre Personal- und Unternehmenskultur reflektiert und gleichstellungsorientiert weiterzuentwickeln.
Ein weiterer Fokus lag auf der Rolle der Unternehmen selbst. Diversität lasse sich nicht allein durch politische Maßnahmen erreichen – sie müsse integraler Bestandteil der Unternehmenskultur sein. Themen wie Entgeltgleichheit, transparente Karrierepfade, flexible Arbeitszeitmodelle und gezielte Ansprache von Frauen seien entscheidend.
Besonders deutlich wurde dies anhand einer aktuellen Studie: Nur 4 % der Unternehmen sprechen Frauen aktiv darauf an, ihre Arbeitszeit auszuweiten – obwohl viele dies wünschen, sofern entsprechende Flexibilität gegeben ist. Hier sieht Prien erhebliches ungenutztes Potenzial.
Abschließend richtete die Ministerin einen klaren Appell an die Teilnehmenden der TRANSFORM: Unternehmen sollten Diversität strategisch verankern, gezielt in weibliche IT- und KI-Talente investieren und sich stärker für Schulen und Nachwuchskräfte öffnen. Sichtbarkeit, Vorbilder und konkrete Einblicke in die Arbeitswelt seien entscheidend, um Interesse zu wecken und langfristig Fachkräfte zu gewinnen.
Die zentrale Botschaft der Keynote: Die Frage ist nicht, ob sich Unternehmen Diversität leisten können – sondern ob sie es sich leisten können, darauf zu verzichten. In einer Zeit tiefgreifender Digitaler Transformation entscheidet die Fähigkeit zur Integration vielfältiger Perspektiven über Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit.