TRANSFORM Spotlight
7. Juni 2026

Europas Champions fordern mehr Mut

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Europa verfügt über einen Binnenmarkt mit 450 Millionen Menschen, starke Industrieunternehmen, innovative Startups und weltweit führende Technologien. Warum fällt es dem Kontinent trotzdem schwer, neue globale Champions hervorzubringen? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Panels „Souverän erfolgreich: Champions aus Europa“ auf der TRANSFORM 2026. Die Diskussion zeigte: Nicht fehlende Ideen bremsen Europa aus – sondern fehlende Konsequenz.

Die Herausforderungen könnten kaum größer sein. Geopolitische Spannungen, technologische Umbrüche und der rasante Fortschritt künstlicher Intelligenz verändern die Spielregeln der globalen Wirtschaft. Gleichzeitig entscheidet sich gerade, welche Unternehmen die nächste Generation internationaler Marktführer bilden werden.

Auf der TRANSFORM 2026 diskutierten Dr. Tanja Rückert, Chief Digital Officer und Mitglied der Geschäftsführung von Bosch, André Schwämmlein, Vorstandsvorsitzender von Flix, sowie Dr. Albrecht von Sonntag, Mitgründer von idealo, wie Europa in diesem Umfeld seine Wettbewerbsfähigkeit sichern kann. Moderiert wurde die Diskussion von Dr. Albrecht von Sonntag.

Der Binnenmarkt ist Europas größte Chance – und seine größte Baustelle

Ein Thema zog sich wie ein roter Faden durch das gesamte Panel: der europäische Binnenmarkt.

Für Flix war die Öffnung nationaler Märkte eine entscheidende Voraussetzung für den internationalen Erfolg. André Schwämmlein machte deutlich, dass ein rein deutscher Markt für die Skalierung des Unternehmens nie ausgereicht hätte. Erst die schrittweise Liberalisierung weiterer europäischer Märkte ermöglichte den Aufbau eines europäischen Geschäftsmodells mit globaler Reichweite.

Gleichzeitig kritisierte er die weiterhin starke Fragmentierung Europas. Unterschiedliche nationale Vorschriften, Genehmigungsprozesse und regulatorische Anforderungen führen aus seiner Sicht zu erheblichen Effizienzverlusten.

„Jedes Land denkt sich etwas Eigenes aus“, lautete eine der zentralen Aussagen der Diskussion. Während Unternehmen in den USA oder China auf weitgehend homogene Märkte treffen, müssen europäische Unternehmen weiterhin zahlreiche nationale Besonderheiten berücksichtigen. Das erschwert Wachstum und kostet Ressourcen.

Auch Bosch unterstrich die Bedeutung des Binnenmarktes. Für Dr. Tanja Rückert ist der freie Zugang zu rund 450 Millionen Kundinnen und Kunden ein strategischer Vorteil, der in der öffentlichen Debatte häufig unterschätzt wird. Gleichzeitig plädierte sie dafür, Europas Stärken stärker in den Mittelpunkt zu rücken, statt sich ausschließlich auf Defizite zu konzentrieren.

Europa reguliert nicht zu viel – sondern setzt zu wenig durch

Besonders kontrovers wurde die Diskussion bei der Frage nach Regulierung und Wettbewerbsfähigkeit.

Dr. Tanja Rückert beschrieb ihre ursprünglich positive Sicht auf den europäischen AI Act. Die Idee eines vertrauenswürdigen „Made in Europe“-Standards für künstliche Intelligenz habe großes Potenzial besessen. Mittlerweile dominierten jedoch Unsicherheit, unvollständige Standards und zusätzliche Bürokratie. Das erhöhe die Kosten für Unternehmen und erschwere Investitionen.

Dr. Albrecht von Sonntag setzte einen anderen Schwerpunkt. Für ihn liegt das Problem nicht in bestehenden Regeln, sondern in deren mangelnder Durchsetzung. Besonders deutlich wurde dies am Beispiel des Digital Markets Act (DMA).

Aus seiner Sicht verfügt Europa bereits über wirksame Instrumente, um faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber dominanten Plattformen zu schaffen. Diese müssten jedoch konsequent angewendet werden. Als Beispiel nannte er die langjährige Debatte um die Selbstbevorzugung von Google-Diensten in Suchergebnissen, die seiner Ansicht nach exemplarisch für die schleppende Durchsetzung europäischer Wettbewerbsregeln steht.

Trotz unterschiedlicher Perspektiven herrschte Einigkeit in einem Punkt: Europa hat kein Erkenntnisproblem. Die Analysen liegen längst auf dem Tisch. Entscheidend sei nun der politische Wille, daraus konkrete Maßnahmen abzuleiten und diese konsequent umzusetzen.

KI verändert alles – aber nicht für alle gleichermaßen

Wenig überraschend nahm künstliche Intelligenz einen zentralen Platz in der Diskussion ein. Die Einschätzungen der Panelteilnehmerinnen und Panelteilnehmer fielen dabei bemerkenswert unterschiedlich aus.

Bosch betrachtet KI als fundamentale Technologie, die sowohl Geschäftsprozesse als auch Produkte grundlegend verändert. Dr. Tanja Rückert schilderte konkrete Anwendungsfälle: von automatisierten Bestellprozessen über agentische KI in administrativen Abläufen bis hin zu intelligenten Funktionen in Haushaltsgeräten, der Fertigung und beim assistierten Fahren. Für Bosch steht dabei nicht nur die Effizienzsteigerung im Fokus, sondern auch die Entwicklung neuer Produkte und Services.

André Schwämmlein sprach dagegen offen über die Unsicherheit, die viele Führungskräfte aktuell erleben. Trotz zahlreicher Erfolgsgeschichten bestehe in vielen Unternehmen das Gefühl, technologisch hinterherzulaufen oder wichtige Entwicklungen zu verpassen. Gerade deshalb seien die kommenden 18 bis 24 Monate entscheidend, um KI-Anwendungen systematisch in Prozesse und Geschäftsmodelle zu integrieren.

Die kritischste Perspektive brachte Dr. Albrecht von Sonntag ein. Seine Sorge gilt weniger dem Einsatz von KI in Unternehmen als den gesellschaftlichen Folgen. Er warnte vor einer zunehmenden Konzentration wirtschaftlicher Macht sowie vor den Auswirkungen massiver Produktivitätsgewinne auf den Arbeitsmarkt. Die entscheidende Frage sei nicht, ob KI Prozesse effizienter macht, sondern wer künftig von diesen Effizienzgewinnen profitiert.

Transformation beginnt bei den Menschen

Trotz aller Diskussionen über Regulierung, Märkte und Technologien endete das Panel mit einem Thema, das für erfolgreiche Transformation entscheidend bleibt: den Menschen.

Bosch verfolgt dabei einen umfassenden Qualifizierungsansatz. Mehr als 100.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden bereits im Umgang mit neuen Technologien geschult. Mit internen KI-Plattformen und Weiterbildungsmöglichkeiten sollen Beschäftigte nicht nur auf Veränderungen reagieren, sondern diese aktiv mitgestalten können.

Die Botschaft dahinter ist klar: Künstliche Intelligenz darf nicht ausschließlich als Effizienzwerkzeug verstanden werden. Erfolgreiche Digitale Transformation entsteht dort, wo Technologie und Qualifizierung gemeinsam gedacht werden.

Europas Zukunft wird nicht durch Technologie entschieden

Das Panel machte deutlich, dass Europa weder an Talenten noch an Innovationen mangelt. Die Voraussetzungen für globale Champions sind vorhanden: ein großer Binnenmarkt, starke Industrieunternehmen, exzellente Forschungseinrichtungen und eine hohe technologische Kompetenz.

Die eigentliche Herausforderung liegt an anderer Stelle. Europa muss lernen, seine eigenen Stärken konsequenter zu nutzen, Entscheidungen schneller umzusetzen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die Innovation nicht nur ermöglichen, sondern auch skalierbar machen.

Die Diskussion auf der TRANSFORM 2026 hinterließ deshalb vor allem eine Erkenntnis: Europas Wettbewerbsfähigkeit ist keine Frage fehlender Technologien. Sie ist eine Frage von Mut, Umsetzungskraft und strategischer Entschlossenheit.

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