In einer Welt, in der Künstliche Intelligenz zunehmend Einzug in Unternehmensprozesse hält, ist es von großer Bedeutung, die richtigen Strategien und Herangehensweisen zu wählen, um das volle Potenzial dieser Technologien zu entfalten. Larissa Mikolaschek, Head of Tech bei SESTdigital, begleitet Unternehmen auf diesem Weg und teilt ihre wertvollen Einsichten zu den Herausforderungen und Chancen, die mit der KI-Integration verbunden sind. In diesem Interview spricht sie über die häufigsten Fehler bei der Implementierung von KI, die Bedeutung einer klaren Datenstrategie und die Rolle des "Human in the Loop" für den langfristigen Erfolg von KI-Projekten.
Larissa Mikolaschek (M): Eine der größten Herausforderungen ist die riesige Bandbreite an Möglichkeiten, die KI heute bietet. Viele Unternehmen lassen sich von Hypes mitreißen und setzen auf KI, ohne einen klaren, unternehmensspezifischen Pain Point zu adressieren. Das führt oft dazu, dass Projekte ins Leere laufen. Ein weiterer, häufig unterschätzter Punkt ist die Datenstrategie: Ohne eine durchdachte Strategie, wie Daten gesammelt, gepflegt und genutzt werden, bleibt der volle Nutzen von KI unerreichbar. Dazu kommt, dass im Unternehmen oft sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber herrschen, was KI eigentlich ist. Erst eine gemeinsame Wissensbasis ermöglicht es, zielführend an KI-Initiativen zu arbeiten und realistische Erwartungen zu managen.
M: Die Vorteile lassen sich in zwei Bereiche unterteilen:
Erstens die alltägliche Nutzung: Wenn Mitarbeitenden eine sichere, unternehmensinterne KI-Plattform zur Verfügung steht, die auf das eigene Unternehmenswissen zugreifen kann, lassen sich repetitive Aufgaben deutlich effizienter erledigen. Ich sehe in der Praxis, dass Mitarbeitende damit oft zwei bis drei Stunden pro Woche bei Routineaufgaben wie E-Mail-Beantwortung, Recherche oder Dokumentenerstellung einsparen können.
Zweitens der strategische (und größere) Nutzen: Sobald Unternehmensdaten richtig angebunden und ausgewählt Prozesse mit KI unterstützt werden. So lassen sich durch KI Abläufe beschleunigen, Fehlerquoten senken und die Kundenzufriedenheit messbar steigern, zum Beispiel durch schnellere Bearbeitungszeiten und präzisere Analysen.
M: 2025 ist das Jahr, in dem KI wirklich in der Breite der Unternehmen angekommen ist – das zeigen auch aktuelle Bitkom-Umfragen. Nur noch 17% der Unternehmen nutzen keine KI, aber: Die wenigsten haben KI schon als festen Bestandteil ihrer Organisation etabliert. Wir stehen also noch am Anfang einer Entwicklung, die sich in den nächsten Jahren weiter beschleunigen wird.
Vielversprechend sind vor allem Anwendungen, die Unternehmenswissen mit KI verknüpfen und für alle Mitarbeitenden zugänglich machen. Auch Multiagentensysteme werden immer leistungsfähiger und können, sofern Prozesse gut definiert sind, in vielen Bereichen eingesetzt werden – von der Produktion bis zum Kundenservice. Trotzdem gilt: Bei aller Begeisterung für autonome KI-Agenten sollte immer ein „Human in the Loop“ mitgedacht werden, um Kontrolle und Verantwortlichkeit zu gewährleisten.
M: Der häufigste Fehler ist, KI als reines IT-Projekt zu betrachten. Oft wird die Verantwortung an die IT-Abteilung delegiert, die dann „mal etwas entwickeln“ soll. KI betrifft aber das gesamte Unternehmen und muss von der Führungsebene gesteuert werden – mit klarer Strategie und Einbindung aller relevanten Bereiche.
Ein weiterer Fehler: Die Mitarbeitenden werden oft zu spät eingebunden. Viele warten, bis die Systeme „perfekt“ sind, bevor sie die notwendigen Kompetenzen entwickeln, um sie einzusetzen. Stattdessen sollte man Mitarbeitende von Anfang an mitnehmen, auch mit vorläufigen Versionen arbeiten und Feedback einholen. Das erhöht die Akzeptanz und sorgt dafür, dass die Lösungen wirklich praxistauglich werden.
M: Schattennutzung von KI bedeutet, dass Mitarbeitende KI-Tools im Unternehmenskontext nutzen, ohne dass dies offiziell genehmigt oder kontrolliert wird. Laut aktuellen Umfragen nutzen bereits über 70% der Mitarbeitenden 2024 KI – und fast 40% davon tun dies ohne Wissen oder Erlaubnis des Arbeitgebers.
Das birgt erhebliche Risiken: Unternehmenswissen kann unkontrolliert nach außen gelangen, Datenschutz wird zum Problem und es drohen Compliance-Verstöße. Unternehmen müssen diese Schattennutzung ernst nehmen, die Motivation der Mitarbeitenden, KI einzusetzen aber nutzen. Der effizienteste Weg ist, eine eigene, kontrollierte KI-Lösung bereitzustellen, die sowohl den Bedürfnissen der Mitarbeitenden als auch den Anforderungen an Datenschutz und Sicherheit gerecht wird. So eine Lösung liefert darüber hinaus dann auch deutlich bessere Ergebnisse als generische öffentliche KI Plattformen. Ein besseres Argument als jedes Verbot.
M: Ich bin überzeugt, dass KI in den nächsten fünf bis zehn Jahren zum selbstverständlichen Bestandteil fast aller Unternehmensprozesse wird – ähnlich wie es heute mit Computern oder dem Internet der Fall ist. Die Systeme werden noch einfacher zu bedienen und besser in bestehende Arbeitsabläufe integriert sein.
Gleichzeitig werden neue Herausforderungen entstehen: Die Anforderungen an Datenschutz, Transparenz und ethische Verantwortung werden steigen. Unternehmen müssen lernen, nicht nur technologisch, sondern auch organisatorisch und kulturell mit KI umzugehen. Wer es schafft, KI verantwortungsvoll und strategisch einzusetzen, wird enorme Chancen haben, sei es durch Effizienzgewinne, neue Geschäftsmodelle oder bessere Kundenerlebnisse. Wichtig ist, dass wir die Menschen dabei immer mitnehmen und die Technik als Werkzeug für den gemeinsamen Fortschritt begreifen.
Mit Blick auf die TRANSFORM 2026 ist es klar, dass Unternehmen, die heute die richtigen Schritte in der KI-Integration unternehmen, in den kommenden Jahren nicht nur in technologischer Hinsicht, sondern auch in ihrer organisatorischen und kulturellen Entwicklung von dieser Transformation profitieren werden. Larissa Mikolaschek stellt klar, dass der erfolgreiche Einsatz von KI mehr als nur technologische Expertise erfordert – er benötigt auch eine langfristige, verantwortungsvolle Strategie, die sowohl Mitarbeitende als auch Führungskräfte mitnimmt. TRANSFORM 2026 wird ein Schlüsselpunkt sein, an dem Unternehmen, die frühzeitig in eine nachhaltige KI-Strategie investieren, den entscheidenden Wettbewerbsvorteil ausspielen können.