Wir leben in einer wirtschaftlichen Realität, die paradoxer kaum sein könnte: Wir arbeiten in einer Welt zwischen Faxgerät und generativer KI. Während die Technologiekurve exponentiell steigt und Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor immer neue Herausforderungen in immer kürzeren Abständen gestellt werden, stagniert die Lernkurve in vielen Unternehmen oder ist sogar rückläufig. Das Tagesgeschäft macht Weiterbildung zur B-Priorität. Dabei müssen Marketingteams neue Techniken und neue Marketingdisziplinen lernen, um mit der Technik und der Konkurrenz mithalten zu können. Hier nur einige Beispiele der Marketingherausforderungen 2026:
Um bei ChatGPT und Googles AI Overviews sichtbar zu sein, reichen traditionelle SEO-Maßnahmen nicht mehr aus. Teams müssen heute GEO (Generative Engine Optimization) verstehen, lernen und anwenden können.
Organisierte man früher nach einem langen Kreativprozess Shootings, stehen dafür heute KI-Bild- und Video-Tools wie Googles Nano Banana zur Verfügung. Es braucht die Fähigkeit zum schlauen Prompten, um diese Tools in gewinnbringender Form im Prozess einzusetzen, um Content zu erzeugen, der sich in der AI-Slop-Contentflut abhebt.
KI macht es möglich, mehr Analyticsdaten als je zuvor sinnvoll zu analysieren. Teams müssen lernen, diese Daten zu generieren, die richtigen Fragen zu stellen und die richtigen Schlüsse daraus abzuleiten, um sich Wettbewerbsvorteile zu sichern.
Das sind nur drei Beispiele. Die größte Herausforderung bei all der Disruption innerhalb der Branche ist es aber, das eigene Team auf ein stabiles und breites Fundament von KI-Skills zu stellen. Die Aufgabe heute für Führungskräfte ist es, diesen Wandel zu organisieren und zu moderieren. Es gilt, sich nicht nur auf die Leute zu verlassen, die KI schnell verstehen und umsetzen können, sondern auch Maßnahmen zu finden und zu verwirklichen, kritische oder ängstliche Stimmen einzufangen und diesen die richtige Unterstützung zu bieten. Dafür braucht es eine sichere Lernumgebung, um Motivation zu erzeugen, statt Fortschritt durch Angst vor Neuem oder Überforderung zu blockieren. Das Ziel dabei ist klar: Es gilt, die raren und gut ausgebildeten Fachkräfte zu halten und weiterzuqualifizieren.
Das Kernproblem ist dabei nicht fehlender Wille oder fehlende Technologie, sondern das Phänomen „Too busy to improve“. Wir sind so beschäftigt damit, mit der stumpfen Säge zu sägen, dass wir angeblich keine Zeit haben, sie zu schärfen. Doch „keine Zeit“ ist oft eine Irrtum – es ist eine Frage der Priorität.
Ein schmerzhafter, aber notwendiger Blick auf die Statistik zeigt die Realität: Während wir in Deutschland laut Statistischem Bundesamt rund 21 Stunden pro Woche fernsehen, investieren wir nur rund 20 Stunden in berufliche Fort- und Weiterbildung. Und das nicht in der Woche, sondern im Jahr!
Wer sich heute aber keine Zeit für Weiterbildung nimmt oder sie seinen Teams nicht gibt, verliert morgen Zeit durch ineffiziente Prozesse, steigende Kosten pro Lead und sinkende Relevanz. Dadurch riskiert man seine Marktposition und schaut dabei zu, während die Konkurrenz Weiterbildung als Wettbewerbsvorteil nutzt und Marktanteile übernimmt.
Um diesem Dilemma zu entkommen, sind vor allem Führungskräfte gefragt. Während Weiterbildung vielerorts noch als “bezahlter Urlaub" belächelt wird, müssen Führungskräfte 2026 den Wert von lebenslangem Lernen aktiv vorleben. Wir müssen Weiterbildung endlich aus der „Soft-Skill“-Ecke holen und als harten Wirtschaftsfaktor begreifen. Der Return on Learning (ROL) ist dabei eine wichtige KPI.
Anders als bei langfristigen Kultur-Maßnahmen ist der ROL im digitalen Raum oft sofort messbar. Im Marketing lässt sich Wissen zum Beispiel unmittelbar monetarisieren: Wer versteht, wie man First-Party-Datenstrukturen aufbaut, KI für besseres Targeting oder eine effizientere Content-Produktion nutzt, senkt die Kosten seiner Marketingmaßnahmen und steigert den Umsatz unter Umständen bereits bei der ersten Kampagne nach der Weiterbildung.
Viele Unternehmen hoffen, die Kompetenzlücke rein technologisch durch Tools zu schließen. Doch hier lauert das „KI Lern- & Arbeits-Paradoxon“. Studien des MIT zeigen zwar, dass KI-Nutzende bis zu 60 Prozent produktiver sind, aber ihre kognitive Last sinkt dabei signifikant. Das klingt erst einmal gut, birgt aber ein Risiko: Wenn das Gehirn weniger gefordert wird, lernen wir weniger. Wir laufen Gefahr, Kompetenzen zu verlieren, statt sie aufzubauen. Es reicht nicht, Tools einzuführen. Wir müssen Handlungskompetenzen aufbauen. Mitarbeitende dürfen nicht nur Toolanwenderinnen und -anwender sein, sie müssen in der Lage sein, die Ergebnisse der KI strategisch bewerten, korrigieren und steuern zu können.
Wie brechen wir das „Too busy“-Dilemma auf? Es braucht einen Kulturwandel vom „Erlauben“ zum „Ermöglichen“. Drei konkrete Hebel für die Praxis:
Psychological Safety & Kultur: Angst vor KI blockiert das Lernen neurologisch. Führungskräfte müssen Sicherheit geben: Das Ziel ist nicht, den Menschen zu ersetzen, sondern ihn durch KI-Kompetenz wertvoller zu machen.
Wissensmanagement 2.0: Wir verlieren massiv implizites Erfahrungswissen, aufgebaut und selten dokumentiert in vielen Jahren Berufspraxis, wenn die Boomer-Generation in Rente geht. KI kann hier als „Interview-Partnerin“ helfen, dieses Erfahrungswissen zu externalisieren, zu strukturieren und für jüngere Generationen via interner Chatbots zugänglich zu machen.
Ressourcen klug nutzen: Weiterbildung scheitert oft am Budget-Argument. Dabei gibt es durch das Qualifizierungschancengesetz (QCG) massive Fördermöglichkeiten, bei denen der Staat Lehrgangskosten und Arbeitsentgelte bezuschusst. Fehlende Weiterbildung in Unternehmen scheitert also nicht am Budget.
Was wie eine Dystopie aus steigender Komplexität und KI-Druck wirkt, ist in Wahrheit eine Chance. Transformation ist lernbar. Der entscheidende Wettbewerbsvorteil im Jahr 2026 ist nicht das Marketing-Budget oder der Tech-Stack, sondern die Geschwindigkeit, mit der eine Organisation lernt und dieses Wissen anwendet. Wer im Tagesgeschäft darauf wartet, dass das Daily Business Weiterbildung zulässt, der wird scheitern. Die Unternehmen, die mit dem ROL arbeiten und Weiterbildung priorisieren, werden die sein, die den strategischen Wettbewerbsvorteil durch Weiterbildung erfolgreich nutzen und sich am Markt behaupten.
Über Rolf Hermann
Rolf Hermann ist Head of Content bei OMR Education. In seinen neun Jahren bei OMR hat der Chefredakteur der OMR Reports mit seinem Team über 70 Ausgaben mit geschrieben, kuratiert oder produziert. Dazu ist er Host des OMR Education Podcasts. Seit 400 Episoden führt er dort Interviews mit digitalen Denker*innen und Expert*innen, alles im zeichen der Weiterbildung. Hinzu kommen diverse Education-Projekte für Brands zu strategischen und Marketingthemen etwa für LVMH, Porsche, Funke oder Google