TRANSFORM Spotlight
2. April 2026

Industrial AI, Plattformdenken und kultureller Wandel: Wie Siemens die Transformation neu definiert

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Auf der TRANSFORM 2026 wurde im Gespräch zwischen Dr. Ralf Wintergerst, Präsident des Bitkom, und Dr. Roland Busch, CEO von Siemens, deutlich: Digitale Transformation ist längst kein optionaler Anpassungsprozess mehr – sie ist zur zentralen Führungsaufgabe geworden. Für Unternehmen bedeutet dies nicht nur technologische Investitionen, sondern vor allem ein grundlegendes Umdenken in Organisation, Kultur und Geschäftsmodellen.

Transformation als kontinuierlicher Imperativ

Siemens steht exemplarisch für die erfolgreiche Neuausrichtung eines traditionellen Industriekonzerns. Mit über 170 Jahren Unternehmensgeschichte ist Transformation dort kein einmaliges Projekt, sondern ein wiederkehrendes Prinzip. Wie Dr. Busch betont, erfolgte dieser Wandel teils proaktiv, teils durch externe Disruptionen erzwungen.

Ein entscheidender strategischer Schritt war der frühzeitige Aufbau eines umfassenden Software-Portfolios. Über 30 Milliarden Euro investierte Siemens in Akquisitionen – eine Grundlage, die heute zentrale Wettbewerbsvorteile ermöglicht. Mit einem Softwareumsatz von rund 6,5 Milliarden Euro verfügt das Unternehmen über die Fähigkeit, vollständige digitale Zwillinge entlang der gesamten Wertschöpfungskette abzubilden.

Doch diese Basis allein reicht nicht aus. Die Geschwindigkeit technologischer Entwicklungen – insbesondere im Bereich Künstliche Intelligenz – zwingt Unternehmen, Transformation deutlich konsequenter und schneller zu gestalten. Während frühere technologische Umbrüche Jahrzehnte benötigten, wird KI laut Busch die industrielle Welt in wenigen Jahren grundlegend verändern.

„One Tech Company“: Der Wert liegt in der Plattform

Ein zentrales Leitbild der Siemens-Transformation ist das Konzept der „One Tech Company“. Dabei verschiebt sich der Fokus weg vom klassischen Konglomeratsdenken hin zu einer integrierten Technologieplattform.

Der entscheidende Wert entsteht nicht mehr in der Summe einzelner Geschäftsbereiche, sondern in der Fähigkeit, Technologien horizontal zu skalieren – von Hardware über Automatisierung bis hin zu Software, Simulation und datengetriebenen Anwendungen.

Für Unternehmen bedeutet dies: Wettbewerbsvorteile entstehen zunehmend durch integrierte Technologie-Stacks und deren konsequente Nutzung über alle Geschäftsbereiche hinweg.

Organisation neu denken: Vom Silodenken zur Skalierung

Die größte Herausforderung liegt jedoch nicht in der Technologie selbst, sondern in der Organisation. Historisch gewachsene Strukturen mit zahlreichen Business Units und hoher Autonomie stehen einer skalierbaren Plattformstrategie oft im Weg.

Siemens begegnet dieser Herausforderung mit einem klaren Ansatz: dem Aufbau eines technologischen „Fabric“ – einer verbindenden Ebene, die zentrale Technologien horizontal über alle Geschäftsbereiche hinweg nutzbar macht.

Dies erfordert auch ein neues Führungsverständnis. Transformation muss „von oben“ getrieben werden. Gleichzeitig gilt es, kulturelle Barrieren zu überwinden – insbesondere die weit verbreitete Haltung, externe Technologien primär als Kosten statt als Werttreiber zu betrachten.

Ein konkretes Beispiel: Die drastische Reduktion von über 700 Software-Tools innerhalb des Unternehmens zugunsten standardisierter Plattformen – ein Schritt, der Produktivität steigert, KI-Einsatz ermöglicht und Komplexität reduziert.

Industrial AI: Europas unterschätzte Chance

Ein besonderer Fokus des Gesprächs lag auf Industrial AI – einem Bereich, in dem Europa laut Busch über erhebliche, bislang ungenutzte Potenziale verfügt.

Während große Foundation Models überwiegend in den USA und China entwickelt werden, besitzt Europa entscheidende Assets:

  • tiefes industrielles Know-how

  • umfangreiche proprietäre Daten

  • starke Position im globalen industriellen Wertschöpfungsanteil

Der Schlüssel liegt im gezielten Fine-Tuning bestehender Modelle mit industriellen Daten. Dadurch lassen sich signifikante Qualitätssteigerungen erzielen – insbesondere in Anwendungen, die präzise, deterministische Ergebnisse erfordern.

Für den Mittelstand eröffnet sich hier eine klare Perspektive: Der Zugang zu Industrial AI wird weniger durch eigene Datenmengen bestimmt, sondern durch die Fähigkeit, Daten in Ökosystemen zu teilen und gemeinsam nutzbar zu machen.

Datenökosysteme statt Datensilos

Ein zentrales Hindernis bleibt jedoch der Mindset. Viele Unternehmen betrachten ihre Daten weiterhin als isoliertes Asset, das geschützt werden muss.

Busch argumentiert klar: Einzelne Datensätze sind oft zu klein, um echten Mehrwert zu generieren. Erst durch Kooperation – etwa in Form gemeinsamer Datenräume – entsteht die notwendige Skalierung für leistungsfähige KI-Modelle.

Initiativen, bei denen mehrere Maschinenbauunternehmen ihre Daten bündeln, zeigen bereits heute, wie sich daraus konkrete Anwendungen entwickeln lassen – bis hin zur autonomen Steuerung von Produktionsprozessen.

Partnerschaften als strategische Notwendigkeit

Ein weiterer zentraler Aspekt moderner Digitale Transformation ist die klare Abgrenzung zwischen eigenen Kernkompetenzen und externen Technologien.

Siemens verfolgt hierbei einen pragmatischen Ansatz:

  • Differenzierung in strategischen Kernbereichen (z. B. Industrial AI)

  • Integration externer Technologien, wo sinnvoll

  • enge Zusammenarbeit mit Hyperscalern und Technologiepartnern

Diese Balance ermöglicht es, Innovationsgeschwindigkeit zu erhöhen, ohne Ressourcen zu verzetteln.

Globaler Wettbewerb: Geschwindigkeit entscheidet

Im internationalen Vergleich zeigt sich ein klares Bild:

  • USA: enorme Dynamik, insbesondere bei KI-Entwicklung und Skalierung

  • China: starke Geschwindigkeit kombiniert mit vertikaler Integration, etwa im Bereich Robotics

  • Europa: strukturelle Stärken, jedoch deutlich zu geringe Umsetzungsgeschwindigkeit

Für Entscheiderinnen und Entscheider in Europa ergibt sich daraus eine klare Handlungsaufforderung: Geschwindigkeit wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.

Führung in der Transformation: Technologie verstehen und vorleben

Abschließend wird deutlich, welche Rolle Führung in der Digitale Transformation spielt. Für Busch bedeutet dies vor allem:

  • intensive Auseinandersetzung mit neuen Technologien

  • aktiver Austausch mit etablierten Unternehmen und Startups

  • konsequente Anwendung neuer Tools im eigenen Arbeitsalltag

Dieser Ansatz wirkt als Multiplikator innerhalb der Organisation und beschleunigt Lernprozesse nachhaltig.


Fazit

Das Gespräch auf der TRANSFORM 2026 zeigt: Digitale Transformation ist weit mehr als Technologieeinführung. Sie erfordert ein Zusammenspiel aus Plattformstrategie, kulturellem Wandel, datengetriebenem Denken und konsequenter Führung.

Für Unternehmen – vom Mittelstand bis zum Konzern – liegt die Herausforderung darin, diese Elemente nicht isoliert zu betrachten, sondern integriert umzusetzen. Gerade im Bereich Industrial AI bietet sich Europa eine strategische Chance, die es jetzt zu nutzen gilt.

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