Innovation & Strategie Digitale Prozesse & Lösungen
6. Februar 2025

Der CIO hinter Europas größter Cloud-Transformation

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Mit über 20 Jahren Erfahrung in der Software- und Energiebranche treibt Sebastian Weber als CIO der E.ON SE die Digitale Transformation des Unternehmens maßgeblich voran. Seit 2021 verantwortet er die IT-Strategie, den IT-Betrieb, die IT-Governance sowie die Entwicklung digitaler Kundenlösungen. Zuvor sammelte er wertvolle Erfahrungen in internationalen Managementpositionen bei Microsoft und erweiterte sein umfassendes Verständnis für IT in Startups sowie bei der Boston Consulting Group. Unter seiner Führung hat E.ON die größte Cloud-Transformation der Industrie erfolgreich abgeschlossen und dabei neue Maßstäbe für die Modernisierung von IT-Landschaften gesetzt.

Im Interview spricht der CIO des Jahres 2024 und Keynote-Speaker der TRANSFORM 2025 über die Schlüsselstrategien hinter diesem Erfolg, technologische Innovationen wie KI-gestützte Anwendungen, die Modernisierung der IT-Landschaft und die stärkere Kundenorientierung durch digitale Plattformen.

TRANSFORM (T): Als CIO des Jahres 2024 wurden Sie für die größte Cloudifizierung der Industrie ausgezeichnet. Was war aus Ihrer Sicht der entscheidende Faktor für den Erfolg dieses Projekts?  

Sebastian Weber (W): Diese Anerkennung gilt nicht nur mir, sondern meinem Team bei E.ON. Es war eine echte Teamleistung, die die Expertise, die Innovationskraft und den Geist des Miteinanders bei E.ON widerspiegelt.

Über 1.800 Kolleginnen und Kollegen von E.ON sowie unsere Partner Wipro und Microsoft arbeiteten in Deutschland, UK und Indien zusammen. Als Team haben wir die größte Cloud-Transformation der Industrie umgesetzt, mittlerweile 10 der eigenen Rechenzentren geschlossen und alle Geschäftsanwendungen in die Public Cloud migriert, sowie die Umsetzung eines Cloud-Operating Modells vorbereitet.

Der entscheidende Schritt war, mit dem Lift & Shift-Ansatz zu starten, um rasch Fortschritte und erste Meilensteine zu erreichen. Gleichzeitig war es unverzichtbar, straffe Zeitrahmen zu setzen und das Business von Anfang an aktiv einzubeziehen. Am Ende ging es auch darum, die Verantwortung für das Programm fest in der Linie zu verankern und so eine nahtlose Eingliederung in die bestehende Organisation zu gewährleisten.

T: Welche übergeordneten Ziele verfolgen Sie mit der Digitalen Transformation bei E.ON und welche Kernmaßnahmen setzen Sie um, um diese Ziele zu erreichen?  

W: Die Energiewende erfordert ein starkes technisches Fundament, um die Transformation in eine grüne, digitale und dezentrale Energiewelt zu ermöglichen. Der Wandel des Energiesystems führt zu einer stärker fluktuierenden, wetterabhängigen und steigenden Stromnachfrage. Zudem wächst die Anzahl von Energiespeichern, Elektrofahrzeugen und Wärmepumpen rapide. Dadurch steigen die Anforderungen an das System. Digitalisierung ist die Basis für E.ONs Wachstumsstrategie, um Effizienz, Sicherheit, Flexibilität und Skalierung zu generieren

Fotocredits: Tobias Tschepe

In den letzten 3,5 Jahren lag unser Fokus auf die Modernisierung der IT Landschaft und somit die Schaffung einer stabilen technischen Basis. Diese umfasst unter anderen die Migration unserer Geschäftsanwendungen in der Public Cloud, die Verbesserung der Netzwerkinfrastruktur, sowie die Ausstattung der Arbeitsplätze für unsere Mitarbeitenden.

Neben der Cloud-Transformation haben wir die Netzwerk-Infrastruktur an über 100 Bürostandorten grundlegend überarbeitet und mehr als 75.000 neue digitale Arbeitsplätze ausgerollt. Als Ergebnis wurde die Stabilität der IT-Landschaft um über 70 % verbessert und die Anwenderzufriedenheit signifikant gesteigert.

T: Welche spezifischen technologischen Innovationen, wie z. B. KI-gestützte Lösungen, haben bisher den größten Einfluss auf die Energieversorgung und den IT-Betrieb von E.ON gehabt? 

W: Wir investieren in verschiedene technologische Innovationen, die einen großen Einfluss auf die Energieversorgung und den IT-Betrieb haben. KI setzen wir ein, um unsere Energieinfrastruktur auf die neuen Anforderungen der Energiewende auszurichten, die Interaktion mit den Kunden zu vereinfachen und die Effizienz im Unternehmen zu steigern:

Ein Beispiel dafür ist unsere Ectocloud-Lösung, die die Wärmeversorgung großer Gebäude und ganzer Stadtteile steuert. Zudem setzen wir in unseren Netzgebieten Drohnen mit KI-Anwendungen ein, um Schäden an der Netzinfrastruktur automatisiert zu identifizieren und schneller beheben zu können. Darüber hinaus haben wir eine unternehmenseigene GPT-Lösung entwickelt, die bereits von über 35.000 internen Nutzern eingesetzt wird.

Neben KI-Initiativen investieren wir umfassend in die Modernisierung und Digitalisierung unserer Netze. Die Überwachung und Steuerung der Energieinfrastruktur wird dabei kontinuierlich optimiert, um eine zuverlässige Stromverteilung sicherzustellen und den steigenden Energiebedarf zu decken. Ein wichtiger Bestandteil ist der digitale Zwilling, der Netzsimulationen in Echtzeit ermöglicht und so eine optimale Kapazitätsnutzung sicherstellt. Darüber hinaus treiben wir die flächendeckende Einführung digitaler Ortsnetzstationen und Smart Meter voran. Diese Technologien ermöglichen es, die Netzlast präziser zu prognostizieren, vorhandene Kapazitäten effizienter zu nutzen und kurzfristig auf Überlastungen zu reagieren. Im Rahmen des Pilotprojekts „E.ON Lab“ erproben wir bereits heute die Energiewelt von 2030, indem wir verschiedene Komponenten eines intelligenten Netzes in der Praxis testen.

Ein weiterer Schwerpunkt unserer Innovationsstrategie liegt auf fortschrittlichen IT-Plattformen, intelligenten Ladelösungen für die Elektromobilität und integrierten Energielösungen im Energy-Retail-Bereich. So vernetzt unsere Plattform XENON dezentrale, erneuerbare Energiequellen und unterstützt unsere Kunden dabei, ihr Energiemanagement effizient zu steuern.

T: Wie hat die Digitalisierung die Kundenerfahrung bei E.ON verändert?

W: Unser Fokus liegt auf den Digital-First Ansatz, um ein digitales Kundenerlebnis zu schaffen. Zwei von drei Neukunden gewinnen wir über digitale Kanäle und mehr als 50 % der Customerservice-Interaktionen sind vollständig digital.

Durch die umfangreiche Modernisierung unserer digitalen Kundenplattforme unter anderem in Deutschland, Großbritannien, Italien, Niederlande und Schweden bieten wir unseren Bestands- und Neukunden ein verbessertes Erlebnis durch schnellere und individuellere Tarifmöglichkeiten sowie harmonisierte Prozesse. Zudem haben wir die digitalen Grundlagen gelegt, um unseren Kunden den Einstieg in die Welt der flexiblen Tarife zu ermöglichen.

T: Welche Maßnahmen ergreift E.ON, um die Cybersicherheit in einer zunehmend digitalisierten und vernetzten Energiewelt zu gewährleisten?  

W: Wir orientieren uns bei unseren Maßnahmen an bewährten internationalen (technischen) Standards und darüber hinaus üben wir Vorfälle mit den Fachexperten und -expertinnen auf allen Ebenen (von Purple-Teaming-Aktivitäten, bei dem unsere „hauseigenen“ Hacker Umgebungen angreifen und unsere Verteidiger (CERT) diese erkennen und darauf reagieren müssen, bis hin zu internationalen Cyber-Krisenmanagement-Übungen).

Außerdem untersuchen wir bekannt gewordene Datenschutzverletzungen anderer Unternehmen und nutzen Erkenntnisse daraus, um die eigenen Datenschutz- und IT-Sicherheitsmaßnahmen weiter zu verbessern und die IT-Infrastruktur zu stärken.

T: Wie stellen Sie sicher, dass die Mitarbeitenden bei E.ON den digitalen Wandel aktiv mitgestalten können und die notwendigen Fähigkeiten für die Transformation erwerben?  

W: Die Digitalisierung erfordert einen kulturellen Wandel im gesamten Unternehmen. Um die Digitale Transformation erfolgreich voranzutreiben, haben wir eine unternehmensweite Lernplattform eingeführt, die das Herzstück unseres Upskilling-Ansatzes bildet. Sie vereint individuelle Lernprogramme und ermöglicht unseren Mitarbeitenden digitale Fähigkeiten und Kompetenzen gezielt zu erweitern.

Parallel dazu starteten wir ein Transformationsprogramm, das den Fokus auf die Wertschöpfung und durchgängige Verantwortung in Teams ermöglicht. Dieses wird durch gezielte Weiterbildungsmaßnahmen unterstützt, das Grundlagen über BizDevOps, Rollen, Technologien und Tools schafft. Wir arbeiten bereits heute in einigen Bereichen nach dem BizDevOps-Modell, doch es bleibt Raum für eine flächendeckende Umsetzung, die wir weiter vorantreiben. Wir internalisieren kritische Kernprozesse und bauen die entsprechenden Fähigkeiten intern in den Teams aus, während wir gleichzeitig Innovation und kontinuierliches Lernen fördern. Zur Ergänzung bestehender Teams rekrutieren wir neue Tech-Talente. So haben wir vorletztes Jahr bspw. 400 neue Beschäftigte eingestellt. 

T: Welche zukünftigen Projekte oder Schritte planen Sie, um die Digitale Transformation bei E.ON weiter voranzutreiben und zu unterstützen?  

W: Unsere IT-Vision basiert auf den Übergang zu einem Cloud Operating Model und die Umstellung hin zu einer BizDevOps-Organisation. Konkret bedeutet das, dass unsere Teams produktzentriert und funktionsübergreifend arbeiten, möglichst viele Prozesse und Vorgänge automatisieren, um so die Vorteile in der Cloud möglichst gut auszuschöpfen. 

Wichtig für die Digitale Transformation bei E.ON ist außerdem die umfassende Nutzung von Daten und Künstlicher Intelligenz. Durch den Aufbau eines konzernweiten Data Lakes haben wir die Grundlage für die Standardisierung von Geschäftsprozessen gelegt, denn nur durch Harmonisierung und Konsolidierung von Daten und Systemen können Automatisierung und KI-Nutzung erfolgen und so die notwendige Skalierung und Geschwindigkeit beim Netzausbau gelingen.

Im Rahmen der Transformation im Energy Retail bauen wir die digitalen Kundenplattformen in allen Märkten bis 2026 weiter aus. Dadurch können wir schneller auf Marktveränderungen reagieren, die Kundenzufriedenheit durch digitale und individuelle Angebote steigern und gleichzeitig neue Geschäftsfelder erschließen. Bspw. schaffen wir gerade auf der Kundenseite die technischen Rahmenbedingungen für Flex Tarife, um so aktive Beteiligungsmöglichkeiten für unsere Kunden anzubieten und gemeinsam die Energiewende voranzutreiben.  


Sebastian Weber zeigt, wie Digitale Transformation erfolgreich umgesetzt wird – ein Beispiel, das auf der TRANSFORM als Inspiration und Vorbild für Führungskräfte diskutiert werden könnte, die ihre Unternehmen zukunftssicher gestalten wollen. Sichern Sie sich jetzt Ihr Ticket!

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