Die Bühne der TRANSFORM 2026 bot den passenden Rahmen für eine Keynote, die weniger auf Ankündigungen setzte als auf ein klares Signal: Digitalisierung ist kein abstraktes Zukunftsprojekt mehr, sondern eine Frage konsequenter Umsetzung. Dr. Karsten Wildberger machte deutlich, dass Deutschland an einem entscheidenden Wendepunkt steht und dass insbesondere Künstliche Intelligenz (KI) das Potenzial hat, diesen Wendepunkt zu einem echten Transformationsmoment zu machen.
Ein zentrales Bild seiner Ausführungen lieferte Wildberger mit Blick auf Indien. Das Land habe in kurzer Zeit eindrucksvoll demonstriert, wie technologische Innovation durch Skalierung gesellschaftliche und wirtschaftliche Dynamiken entfalten kann. Digitale Identitäten für über eine Milliarde Menschen, mobile Bezahlsysteme auf Open-Source-Basis und der Aufbau souveräner Telekommunikationsinfrastrukturen zeigen: Transformation gelingt dort, wo Technologie konsequent genutzt wird.
Für Deutschland ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag. In den vergangenen Jahrzehnten habe Europa zentrale Technologiesprünge – von Plattformökonomien bis hin zu Cloud-Infrastrukturen – weitgehend anderen überlassen. Die Folge: eine geopolitische und wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA und China.
Doch Wildberger widerspricht einer resignativen Sichtweise entschieden. Die Ausgangsbedingungen seien nach wie vor exzellent: starke Forschung, hochqualifizierte Talente, ein leistungsfähiger Mittelstand sowie global wettbewerbsfähige Industrien. Entscheidend sei nun, diese Stärken gezielt in Wertschöpfung und Innovation zu überführen.
Die Botschaft ist eindeutig: Der „KI-Zug“ ist bereits in Fahrt, doch ein Aufspringen ist noch möglich. Für Unternehmen, Startups und politische Akteure bedeutet das, nicht länger in inkrementellen Verbesserungen zu denken, sondern in Skalierung und Geschwindigkeit.
Gerade für Startups entsteht hier ein strategisches Momentum. Sie sind nicht nur Innovationstreiber, sondern auch zentrale Partner bei der Entwicklung neuer Lösungen – insbesondere im Kontext von Open-Source-Ansätzen und offenen Innovationsökosystemen, die das Ministerium aktiv fördert.
Ein bemerkenswerter Schwerpunkt der Keynote lag auf der Arbeitsweise des neu geschaffenen Ministeriums. Wildberger betonte mehrfach den Paradigmenwechsel: weg von politischen Absichtserklärungen, hin zu messbaren Fortschritten.
Mit inzwischen über 500 Mitarbeitenden arbeitet das Ministerium projektorientiert an konkreten Umsetzungsfeldern. Drei zentrale Handlungsbereiche stehen dabei im Fokus:
Die Modernisierung staatlicher Strukturen beschreibt Wildberger als „mühsames Geschäft“, das tief in gewachsene Systeme eingreift. Mit über 200 definierten Maßnahmen und klaren Zielvorgaben – etwa der Reduktion von Berichtspflichten um 30 Prozent – wurde jedoch erstmals eine verbindliche Grundlage geschaffen.
Besonders relevant für die Wirtschaft: Beschleunigte Genehmigungsverfahren, vereinfachte Bauprozesse und der Einsatz agentischer KI zur Automatisierung administrativer Abläufe. Dies adressiert direkt einen der größten Bremsfaktoren für Innovation in Deutschland.
Der Ausbau von Glasfaser- und Mobilfunknetzen wurde zum „überragenden öffentlichen Interesse“ erklärt – ein politisches Signal mit weitreichenden Implikationen. Ziel ist es, Investitionen zu beschleunigen und den Übergang zu modernen Netzinfrastrukturen marktwirtschaftlich effizient zu gestalten.
Für Unternehmen bedeutet dies: bessere Rahmenbedingungen für datengetriebene Geschäftsmodelle und eine höhere Planungssicherheit bei digitalen Investitionen.
Ein zentrales Transformationsprojekt ist der Aufbau einer einheitlichen digitalen Verwaltungsarchitektur. Mit klar definierten Standards, einer souveränen Cloud-Infrastruktur und einer wachsenden Applikationsebene entsteht ein System, das Skalierung erstmals ermöglicht.
Besonders innovativ ist der Einsatz agentischer KI: Rund 20.000 Fachverfahren sollen perspektivisch automatisiert werden. Für Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger bedeutet das eine drastische Vereinfachung administrativer Prozesse – von Genehmigungen bis hin zu Gründungen.
Flankiert wird dies durch konkrete Anwendungen wie eine zentrale Deutschland-App und eine digitale Wallet, die ab 2027 zahlreiche Interaktionen mit Behörden vereinfachen soll.
Ein weiterer zentraler Aspekt der Keynote war die Frage der digitalen Souveränität. Diese wird nicht nur geopolitisch, sondern zunehmend auch ökonomisch relevant.
Mit der erstmaligen nationalen Rechenzentrumsstrategie setzt die Bundesregierung konkrete Impulse:
Verdopplung der Rechenkapazitäten bis 2030
Vervierfachung KI-fähiger Infrastrukturen
Fokus auf Energieeffizienz, Flächenverfügbarkeit und technologische Unabhängigkeit
Parallel dazu engagiert sich Deutschland aktiv in der europäischen Regulierung, insbesondere beim AI Act, mit dem Ziel, Innovation nicht zu bremsen, sondern gezielt zu ermöglichen.
Neben allen strukturellen Maßnahmen adressierte Wildberger einen oft unterschätzten Aspekt der Digitalen Transformation: die gesellschaftliche und unternehmerische Haltung.
Seine Beobachtung: Während Deutschland international weiterhin als leistungsstark wahrgenommen wird, dominiert im Inland häufig eine übermäßig kritische Perspektive. Diese Diskrepanz könne zum Risiko werden, da Transformation auch Zuversicht und Gestaltungswillen erfordert.
Gerade für Führungskräfte ergibt sich daraus eine klare Aufgabe:
Transformation bedeutet nicht nur Strategie und Technologie, sondern auch Kultur – geprägt von Mut, Geschwindigkeit und der Bereitschaft, Unsicherheiten auszuhalten.
Die Keynote von Dr. Karsten Wildberger war weniger ein politisches Statement als ein Arbeitsbericht aus der Praxis der Digitalen Transformation. Sie zeigte, dass Bewegung entstanden ist – in Projekten, Strukturen und Denkweisen.
Für die Teilnehmenden der TRANSFORM 2026, insbesondere für Unternehmen, Startups und Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, ergibt sich daraus eine klare Perspektive:
Die kommenden Jahre werden darüber entscheiden, ob Deutschland seine Stärken in digitale Wertschöpfung übersetzen kann. Die Voraussetzungen sind vorhanden – entscheidend ist nun die konsequente Umsetzung im Schulterschluss zwischen Politik, Wirtschaft und Innovationsökosystemen.
Oder, wie es Wildberger selbst formulierte: Aus Theorie muss Praxis werden.